Bernhard

Denkinger

Architect

Konzentrationslager Gusen 1939-45

Dauerausstellung | Gusen-Langenstein 2005

Im Jahr 1965 wurde unter Einbeziehung der ehemaligen Krematoriumsöfen des KZ-Gusen ein Gedenkbau errichtet. Neben diesem wurde im Jahr 2004 ein Neubau realisiert, der ursprünglich als Lern- und Begegnungsort geplant war. Bei den Bauarbeiten wurden Fundamente der ehemaligen Krematoriumsbaracke entdeckt, die in den Neubau integriert wurden. Dadurch veränderten sich die Nutzungsoptionen, der Neubau erhielt den Charakter eines Museums, in dem nun ein großes archäologisches Objekt präsentiert wurde. In diesem Raum wurde 2005 eine Dauerausstellung von unserem Büro geplant und realisiert. Die Ausstellungsarchitektur reagiert auf das Spannungsfeld zwischen Grabungsfund, museal genutztem Neubau und Memorial. Sie folgt hierbei fünf Leitgedanken:

1) Der Grabungsfund sollte an den Ort und die Entstehungszeit der KZ-Anlage gebunden werden und damit seine Wahrnehmung als archäologisches Objekt gestärkt werden. Eine Luftaufnahme des KZ Gusen aus dem Jahr 1944, über dem Grabungsfeld abgehängt, führt in die Ausstellung ein, gleichzeitig dient sie als Raumteiler, der den Blick auf die im hinteren Teil des Rundgangs gezeigten Bilder zur Befreiung des Lagers ausblendet.

2) Die Grabungsfunde sollten in eine Verbindung mit dem Memorial treten: Ein über den Funden abgehängtes Transparent, das Reste des Krematoriums-Schornsteins (1945) zeigt, verweist auf die hinter der Umschließungsmauer des Memorials liegenden Krematoriumsöfen.

3) Es sollte ein Kontext zwischen der Ausstellung und der umgebenden Einfamilienhaus-Überbauung des ehemaligen KZ-Lagergeländes hergestellt werden: Baustellenfotos, die die Errichtung der KZ-Lagers zeigen, überlagern den Blick auf benachbarte Gebäude. Vor einem raumhohen Fenster ist ein Modell des Lagers platziert, das von einem ehemaligen KZ-Häftling gebaut wurde.

4) Der memorialen Wahrnehmung des Ausstellungsorts sollte mit Mitteln der Ausstellungsarchitektur eine technische, auf serielle und industrielle Verfahren verweisende Sichtweise gegenübergestellt werden: Der Neubau wird als moderne „Baracke“, als Behälter und konstruktives Traggerüst interpretiert. Schienensysteme aus gekanteten Metallprofilen, die ihre Einlege- und Aufnahmeteile zeigen, sind mit Ausstellungselementen belegt. Halbtransparente, „immaterielle“ Materialien von
geringer haptischer Präsenz, wie die abgehängten textilen Bildträger, treten in Kontrast zur optischen
und materiellen Schwere der Sichtbetonwände des Memorials.

5) Die Ausstellungsobjekte sollten in zwei aufeinanderfolgenden Ebenen oder Schichten wahrgenommen werden. Die räumlich dominante, erste Ebene besteht aus vertikal platzierten, großformatigen fotografischen Darstellungen. Die zweite Ebene, die sich erst bei Annäherung an einen Themenbereich erschließt, bilden schriftliche Dokumente, Listen, Vermerke. Diese sind horizontal präsentiert.

Der Kontext der Ausstellung: Wohnsiedlung (links und oben), Memorial aus dem Jahr 1965 (oben rechts), Grabungsfunde (unten). Zeichnung: © Bernhard Denkinger

Der Kontext der Ausstellung: Wohnsiedlung (links und oben), Memorial aus dem Jahr 1965 (oben rechts), Grabungsfunde (unten). Zeichnung: © Bernhard Denkinger

Bezug der Ausstellung zum Memorial. Zeichnung: © Bernhard Denkinger

Bezug der Ausstellung zum Memorial. Zeichnung: © Bernhard Denkinger

Auftraggeber:
Bundesministerium für Inneres

Wissenschaftliche Beratung:
Bertrand Perz

Kuratoren:
Christian Dürr, Ralf Lechner, Stefan Wolfinger

Ausstellungsgestaltung:
Bernhard Denkinger

Fotos:
Andreas Buchberger